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Vortrag zum Thema "Bildungswesen in Japan" von Tetsu Tanimura

1. Lernen wie in Japan: Nur gemeinsam zum Erfolg
2. Frühes Lernen
3. Ungeteilte Aufmerksamkeit

1. Lernen wie in Japan: Nur gemeinsam zum Erfolg

Japanische Schulen fördern eher Zusammenhalt als Individualität

Dieser Vortrag basiert auf einem Umriß von eines Artikels von Helga Haas-Rietschel Süddeutschen Zeitung am 20. Mai 99.

Seit Erscheinen der TIMSS, d.h. Third International Math and Science Study, 1997 versuchen Bildungsexperten das Rätsel des japanischen Lernwunders zu ergründen. Beim internationalen Vergleich mathematischer und naturwissenschaftlicher Leistungen einer halben Million Schüler der achten Klassen aus 45 Nationen schnitten deutsche Schüler mäßig ab, Spitzenreiter waren Schüler aus Japan. TIMSS ist durchaus umstritten. Ob japanisch Schüler wirklich besser sind, ist dabei zweitrangig: Ihre Haltung zum Lernen ist anders.

Takeo Osawa der Geschäftsführer der japanischen Schule in Frankfurt sagt: "Wir haben hier sehr gute Bedingungen. Wenige Schüler, aus gebildeten, gutsituierten Familien, kleine Klassen." Die Privatschule mit 240 Schülern ist von daher nicht typisch für japanische Schulen. Wie in Japan werden die Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse zusammen unterrichtet. Nur sitzen in Japan bis zur 40 Schüler in den mittleren Jahrgangstufen, hier sind es acht bis zwölf.

Die Frankfurter Japanischschule ist eine Ganztagsschule, wie in Japan. Der Unterricht beginnt um 8:30 Uhr und endet mit Freizeit- und Sportangeboten um 16:30 Uhr. Die Lehrer haben eine Anwesenheitspflicht bis 17 Uhr. Dadurch bleibt Zeit für intensiven Austausch mit Kollegen. Unterrichtsvorbereitung findet im Lehrerzimmer statt, das aussieht wie ein Großraumbüro, mit einem Schreibtisch für jeden Lehrer, auf dem sich Materialien und Bücher stapeln. Zeit bleibt auch für den Kontakt zu den Kindern. z.B. während des gemeinsamen Mittagessens um 13 Uhr im Klassenraum oder während des gemeinsamen Putzens. Denn für die Ordnung draußen und drinnen sind die Schüler zuständig.

Sitzenbleiben gebe es in Japan nicht, erzählt Osawa gleich zu Beginn. "Die Kinder sollen in ihrer Klassengemeinschaft bleiben". Der Grund ist "typisch japanisch": Der Lernerfolg des einzelnen hängt vom Zusammenhalt der Klasse ab. Deshalb wird "auf den Aufbau von Beziehungen der Kinder untereinander insbesondere in der Grundschule großen Wert gelegt", schreibt die Kindheitsforscherin D. Elschenbroich in ihrem Buch "Anleitung zur Neugier - Grundlagen japanischer Erziehung". Freundschaften, Beziehungen der Kinder untereinander gelten als Grundlage des Lernens. Die Orientierung an der Gruppe, am Ganzen der Klasse ist ein wesentlicher Bestandteil japanischer Lernkultur. Das stellt auch der Bildungsforscher M. Lehrke fest, der an TIMSS III mitgearbeitet hat. Nach dem man Kleinkinder gewähren ließe und verwöhne, lernten sie im Vorschulalter, sich in Gruppenregeln einzufinden und "eines unter vielen zu werden".


2. Frühes Lernen

Ist diese Erziehung zur Gemeinsamkeit vielleicht der Grundstein für die "beispielhafte Lerngesellschaft" Japans, als die sie D. Elschenbroich in einem Artikel über die japanisch Lernkultur in der FAZ bezeichnet? Das Lernen beginnt in Japan sehr früh. Die Mütter sind die ersten Lehrerinnen der Kinder: Im Kindergartenalter können die meisten bereits 30 bis 40 Schriftzeichen wiedererkennen. Bei der Einschulung lesen viele Kinder ihre Kinderbücher schon selbst. In japanischen Kindergärten werde jedoch nicht gepaukt, wie viele im Westen glauben, meint Elschenbroich. Hier werden die Kinder vor allem "in die soziale Grammatik auf engem Raum eingeführt.Die Gruppe soll nicht als Einschränkung erlebt werden, sondern als Quelle von Sicherheit und Wärme".

So wird Lernen zunächst als ein soziales Lernen und positiv erfahren. Getragen wird diese Grundeinstellung durch das hohe Ansehen, das Bildung allgemein in der Gesellschaft genießt. Es erleichtert japanischen Pädagogen die Arbeit. "Die Eltern legen sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung und fördern diese, wo und wie sie können", sagt Osawa. Um eine gute akademische Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren, verzichten viele Familien auf Urlaub. Desto größer seien, erzählt Osawa, nachher die Erwartungen der Eltern an den Lernerfolg ihrer Kinder. Nach jeder Schulstufe finden Prüfungen statt. Trotzdem schaffen über 90 % eines Jahrgangs den Übergang zur Oberschule, und 94% davon machen nach zwölf Jahren einen dem Abitur vergleichbaren Abschluß. Die härtesten Prüfungen sind die Eingangsprüfungen zur High-School und zur Universität.

Kostspielig machen die Ausbildung vor allem die privaten Zusatzschulen, die "Jukus", ohne die der Prüfungsstreß offensichtlich nicht zu meistern ist. In den Pauk-Schulen werden die prüfungsrelevanten Fächer Mathematik, Englisch und Japanisch geübt, der Unterrichtsstoff nicht selten schon im voraus gelernt. Osawa, das ist zu merken, sind die Jukus unangenehm. Er sagt, seine Schule wolle nicht, daß die Schüler die Zusatzschulen besuchen. Aber japanische Eltern sehen in den Jukus eine Zukunftsgarantie für die Berufskarriere der Kinder. Diese private Juku fängt in der 5. Klasse an und dauert bis zur Aufnahmeprüfung der Universität. In den Vorbereitungsschulen geht es sehr diszipliniert zu, denn sie sollen, schreibt Japanexperte V. Schubert "die Lücke zwischen dem tatsächlichen schulischen Wissenserwerb und den Anforderungen der besseren Oberschulen und Universitäten privat überbrücken".

"Den Lernerfolg durch besinnungslose Lernarbeit beginnt man heute in Japan stark zu hinterfragen", sagt Herr Mizushima, Leiter der Frankfurter Schule, und lenkt dabei den Blick auf die Schattenseiten des japanischen Bildungswesens. Er vermißt insbesondere selbstständiges und kreatives Denken und Handeln bei Japanischen Schülern. Auch der japanische Germanistikprofessor K. Ueda kritisierte auf einer Bildungsveranstaltung zu TIMSS Ende 1998 in Deutschland, "die mangelnde Eigenständigkeit japanischer Schüler beim Bearbeiten unvorhersehbarer Probleme und Aufgabenstellungen". Für ihn sind die guten Erfolg bei TIMSS-Aufgaben und den in Japan üblichen Testverfahren zurückzuführen.

Der Leiter, Mizushima ist nicht so harsch in seinem Urteil: Die japanische Lernmethode sei einfach, klar und sehr konkret, das Lernen sehr visuell ausgerichtet. Vor allem: "Japanische Kinder sind sehr motiviert zu lernen". Das liegt nicht am Drill. Hier stößt man auf die andere Kultur Japans: In der konfuzianischen Tradition gilt ein lernender Mensch als ein guter, vertrauenswürdiger Mensch, ein Lehrender erst recht. So ist auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis in Japan anders geprägt. Lehrer sind nicht Feinde, sondern "Bündnispartner" laut Elschenbroich, die die Schüler auf die Prüfungen vorbereiten. Die gefürchteten Tests selbst nehmen Instanzen außerhalb der Schule ab.

Besuch in der 8. Klasse der japanischen Schule in Frankfurt: zwölf Schüler sitzen an ihren Einzeltischen und lauschen aufmerksam dem Mathematiklehrer Mizutani, wie er ein neues Thema einführt: algebraische Gleichungen. (5a + 3b) + (2a + 5b) =? schreibt er an die Tafel. Den Lösungsweg auch. Dann fragt Mizutani. ob die Klasse die Aufgabe verstanden hat. Fast alle heben die Hand. Das Lerntempo ist langsam. Noch einmal wiederholt Mizutani das Rechenverfahren.


3. Ungeteilte Aufmerksamkeit

"Das Wiederholungen von kleinen Lehrschritten ist etwas Selbstverständliches" in der japanischen Lernkultur, ist bei Elschenbroich nachzulesen, und diene dazu, daß "auch die Schwächsten mitkommen". In der Klasse ist inzwischen Stillarbeit angesagt, jeder sitzt versunken über seiner Aufgabe. Es herrscht ungeteilte Aufmerksamkeit, kein Vergleich zur mangelnden Konzentrationsfähigkeit, über die Lehrer deutscher Schüler oft klagen. Hier wird niemand abgelenkt oder läßt sich ablenken. Ehe die Stunde zur Ende geht, schreibt der Lehrer noch einen alternativen Lösungsweg an die Tafel. Dann verneigen sich Lehrer und Schüler voreinander. Erst in der Pause ist plötzlich Lärm, Geplauder und Bewegung da.

Nach der Mathematikstunde ein Kurzes Gespräch mit Lehrer Mizutani. War es eine gelungene Mathematik-stunde? Etwas Wesentliches war anders gelaufen als es etwas TIMSS beschreibt - über verschiedene Lösungswege wurde nicht diskutiert, die Schüler haben nicht selbst an Problemlösungen gearbeitet. Im allgemeinen sei es so, daß der Lehrer die Lösungswege vorgebe und die Schüler müssen sehr viel Lernstoff für Problemlösendes Denken.

Bei den Grundschulkindern bis zur 6. Klasse sei das anders, fügt er hinzu. Diese haben wenig Unterrichtsstoff und deshalb mehr Zeit, um in Mathematik verschiedene Lösungswege auszuprobieren. Bei dem anschließenden Besuch in einer 4. Klasse im Fach Mathematik fällt auf, wieviel ungezwungener es dort zugeht. Die Kinder lernen gerade große Zahlen von japanischen Schriftzeichen in arabische Zahlen umzuschreiben. Aufmerksam sind die Zehnjährigen bei der Sache. Die Lehrerin erklärt, wiederholt, die Kinder tragen Lösungen vor. Bestehe in der Grundschule noch begeisterndes Lernen, Lebhaftigkeit und die Aufforderung nach alternativen Lösungswegen zu suchen, so gäbe es ab der Sekundarstufe einen Bruch: "Das Glück des Anfangs", bedauert D. Elschenbroich in ihrem Buch, "endet nach den ersten Grundschuljahren". Bei den Größeren ist "die Prüfungshölle" allgegenwärtig.

Künftig soll sich das durch eine neues Curriculum ändern: Weniger Unterrichtsstoff, usw. Aber "Individualität ist schwer zu lernen, wenn man in einer Kultur der Gemeinsamkeit aufgewachsen ist", meint Osawa. Darin liege die Stärke, aber auch die Schwäche des japanischen Bildungswesens.

von HELGA HAAS-RIETSCHEL


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